Bülent Ceylan: Der Rocker unter den Komikern

Seine Comedy ist Hochleistungssport. Am 30. Mai 2014 kommt Bülent Ceylan in die Essener Grugahalle und lässt nicht nur seine Haare fliegen.

Die gute Nachricht gleich vorweg: Sein Rücken ist wieder in Ordnung. „Wenn man auf der Bühne zuviel abgeht, kann es schon mal in den Rücken fahren.“ Eine Zerrung plagte den Rocker unter den Komikern, der trotz Schmerzen auf der Bühne stand. „Beim Headbangen haben die Leute was gemerkt. Das sah doch schon sehr tuntig aus.“ 
Dabei lieben es seine Fans, wenn die Haarpracht wild umherfliegt. Die lange Mähne und der Mannheimer Dialekt sind seine Markenzeichen. „Ich bin froh, dass ich noch monnheimerisch schwätze.“ Der 36-Jährige ging in Waldhof zur Grundschule und studierte nach dem Abitur Philosophie und Politik. Sein Berufswunsch: „Irgendwas mit Medien, vielleicht Redakteur. Aber mich zog es vor die Mikrofone und Kameras.“ Dafür sollte er eigentlich seinen Dialekt ablegen, „doch das hab ich zum Glück nie geschafft.“ Bülent Ceylan ohne Mundart ist heute undenkbar.

„Ich bin ein echter Kamillenteerocker.“

Das Ungewöhnliche liegt ihm. Der bekennende Metalfan trat beim Summer Breeze und beim Wacken Open Air auf. Als erster Komiker überhaupt wurde er eingeladen. Zu den Jungs der Nu-Metal-Band ,Kron’ hat er einen guten Draht und durfte auch schon auf der Bühne ein paar Beats am Schlagzeug spielen. „Ich liebe und identifiziere mich mit dieser Musik.“ Und zeigt sogleich seine Fingernägel vor: Schwarzlackiert, wie es sich für einen echten Metaller gehört. „Das hat meinen Vater doch ein wenig geschockt.“ Genauso wie seine Thaimasseurin, die ihn entsetzt fragte: „Bist Du eine Hexe?“ Aber keine Angst, schwarzer Zauber liegt Ceylan nicht. „Ich wollte mal die Aufmerksamkeit nach unten verlagern, ein wenig weg von meinen Haaren.“ Die neue Farbe an den Händen kommt gut an: „Gerade die Frauen lieben das. Genau wie meine Rolle als ,Anneliese’.“ Die Pelzhändlergattin hat wie seine Rollen als Mompfreed, Harald, Hasan oder Aslan reale Vorlagen, meist Mannheimer. Nicht alle wissen um ihre Vorbildfunktion. „Die ,Anneliese’ ahnt bis heute nichts.“ ,Harald’ hingegen ist voll im Bilde: „Er ist der Gartennachbar meines Vaters. Der findet das gut - allerdings fragt er immer nach seinen zehn Prozent Beteiligung“, flachst Ceylan. Nach neuen Rollen sucht er nicht zwanghaft. „Die kriegt man manchmal einfach so mit, so wie Günther, den Yeti.“ Sechs Bühnenrollen und Bülent pur reichten für sein Live-Programm aus, „sonst wissen die Leute gar nicht mehr, wer da alles auf der Bühne war.“

„Harald ist der Gartennachbar von meinem Vadder.“

Das Feedback der Fans ist ihm sehr wichtig. „Bei den Autogrammstunden nach den Auftritten bekomme ich sehr viele Reaktionen mit.“ Und gleichzeitig kann Bülent Ceylan bereits ein wenig ,herunterkühlen’.
„Manchmal gehen wir nach den Shows noch Poker spielen oder mit dem Team etwas trinken, allerdings nicht so wie man das von Rockern her gemeinhin denkt. Ich vertrage nichts, ich bin der reinste Kamillenteerocker“, lacht Ceylan. „Ich muss das dann eben mit langen Haaren und schwarzen Fingernägeln kompensieren - damit ich wenigstens ein bisschen hart aussehe.“ Harte Schale, weicher Kern eben.
Dass er ein ,Metaller mit Herz’ ist, beweist er mit seinen Projekten. Neben der Aidshilfe Mannheim setzt er sich für das Kinderhospiz Sterntaler ein, besucht auch die Einrichtungen. „Das Kinderhospiz ist eine ganz harte Schiene.“ Er wirkt ernst und ein wenig nachdenklich, als er darüber spricht. Sein Anliegen ist es, den Kindern, die nur noch eine kurze Lebenserwartung haben, ein wenig Freude zu geben. Nach seiner Zivildienstzeit überlegte er als Sonderpädagoge zu arbeiten. Er hat sich zur Freude seiner Fans für die Bühne entschieden. „Ich setze jetzt meinen Namen für die Projekte ein und versuche so zu helfen.“ Für Integrationsprojekte steht er Pate, besucht Schulen. Selbst habe er keine Probleme wegen seiner Herkunft gehabt. Sein Vater ist „einer der ersten Türken in Deutschland“, seine Mutter Deutsche. „Als Kind war ich schon Außenseiter. Aber wegen meiner Klamotten. Ich bin immer in Cordhosen rumgelaufen.“ Der Deutschtürke („Ich habe einen deutschen Pass. Ihr werdet mich also net los.“) engagiert sich auch in verschiedenen Anti-Rassismus-Projekten wie ,Alle Kids sind Vips’ oder ,Respekt! Kein Platz für Rassismus’. Auch auf der Bühne macht er keinen Hehl daraus, was er von rechten Parolen hält: „In meinen Shows schieße ich immer gegen rechtes Gedankengut.“

„Ich war Außenseiter wegen meiner Klamotten: Ich habe Cordhosen getragen.“

Dieses Engagement für Integration und gegen Rassismus hat ihm hohe Auszeichnungen eingebracht. 2010 bekam er den Bloomaulorden, die höchste Auszeichnung der Stadt Mannheim für verdiente Persönlichkeiten. „Das hat mich unheimlich stolz gemacht.“ Kaum hielt er den Preis in Händen, folgte der nächste: 2011 wurde ihm der Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg verliehen. „Das ist einfach Wahnsinn, mit gerade einmal 36 Jahren eine solche Auszeichnung zu bekommen.“ Für den Humoristen bedeuten diese Preise auch Motivation für junge Leute, sich ebenfalls zu engagieren. „Ich sehe es auch als eine Art Dankeschön von Deutschland, das mir zeigt: ,Du bist einer von uns’.“

„Zum Zehnkämpfer hat’s bei mir nicht gereicht. Ich hab immer den Stab gebrochen. Also blieb’s beim Fünfkampf.“

Als ,Waldhofer Urgewächs’ wuchs er zwar mit Fußball auf und unterstützte zeitweise den Verein in seinen Aktionen gegen Rassismus, aber Bülents Herz schlägt für die Leichtathletik. „Ich liebe den 100-Meter-Lauf, aber am meisten fasziniert mich der Zehnkampf. Das sind für mich die wahren Athleten.“ Mit 13 Jahren begann er zu sprinten, springen und werfen. „Für den Zehnkampf hat es aber nie gereicht, mir fehlte immer der Stabhochsprung.“ Also blieb es beim Fünfkampf. Und das auch recht erfolgreich. „Bei den deutschen Meisterschaften wurden wir mit unserer Mannschaft immerhin Vierter. Die Wende hat uns Silber gekostet“, grinst Ceylan. „Zwei Ostmannschaften haben das erste mal mitgemacht - und die waren halt besser.“ Nach dem Abi hängte er die Sportschuhe an den Nagel, hält sich heute mit Walken („Aber bitte ohne Stöcke!“) fit. Mehr Sport muss er gar nicht machen, denn seine Auftritte grenzen anHochleistungssport. „Da geb ich alles! Das ist Rock and Roll.“ Nur auf seinen Rücken passt er mit Dehnübungen vor den Shows jetzt besser auf.

[Das Interview führte Nicole Trucksess vor Bülents Auftritt in der Grugahalle Essen am 28. September 2012. Erschienen im LOCATION Magazin Essen, Ausgabe August 2012]